Embryonale Stammzellforschung: Ein ethisches Dilemma

Zuletzt aktualisiert:
23 Mär 2011
Embryonale Stammzellforschung: Ein ethisches Dilemma

Embryonale Stammzellen geben Hoffnung auf neuartige Behandlungsstrategien und dennoch wird ihr Einsatz in der Forschung stark diskutiert. Unterschiedliche Länder haben sich dazu entschlossen die embryonale Stammzellforschung in einer sehr unterschiedlichen Art und Weise zu reglementieren. Würde man dieses Thema in der nächsten Kneipe ansprechen würde es nach wie vor ebenso unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Aber was genau sind die ethischen Argumente und warum sind diese eigentlich so schwierig zu klären?

Wussten Sie schon?

Ein menschlicher Embryo ist bis zum vierzehnten Tag nach der Befruchtung in der Lage sich zu Zwillingen oder Drillingen zu entwickeln.

Eizelle und Spermium: einige Leute sind der Meinung ein Embryo sollte ab der Befruchtung vollen Schutz erhalten.

Eizelle und Spermium: einige Leute sind der Meinung ein Embryo sollte ab der Befruchtung vollen Schutz erhalten.

Eine menschliche Blastozyste auf der Spitze einer Nadel: embryonale Stammzellen lassen sich aus den Zellen im Inneren der Blastozyste gewinnen.

Eine menschliche Blastozyste auf der Spitze einer Nadel: embryonale Stammzellen lassen sich aus den Zellen im Inneren der Blastozyste gewinnen.

Einige Menschen denken ein Embryo verdient speziellen Schutz ab dem vierzehnten Tag nach der Befruchtung.

Einige Menschen denken ein Embryo verdient speziellen Schutz ab dem vierzehnten Tag nach der Befruchtung.

Viele Patienten könnten eines Tages von der embryonalen Stammzellforschung profitieren.

Viele Patienten könnten eines Tages von der embryonalen Stammzellforschung profitieren.

Das Reglement für die embryonale Stammzellforschung ist auf der ganzen Welt verschieden und war Thema zahlreicher Diskussionen.

Das Reglement für die embryonale Stammzellforschung ist auf der ganzen Welt verschieden und war Thema zahlreicher Diskussionen.

Das ethische Dilemma

Die embryonale Stammzellforschung verursacht zahlreiche moralische Dilemma. Sie zwingt uns zwischen zwei moralischen Prinzipien zu entscheiden:

  • die Pflicht Leid zu verhindern oder zu verringern
  • die Pflicht menschliches Leben zu respektieren

Im Fall der embryonalen Stammzellforschung scheint es unmöglich beiden Prinzipien zu folgen. Auf der einen Seite ist es unvermeidbar einen Embryo in einem frühen Entwicklungsstadium zu zerstören um embryonale Stammzellen zu gewinnen. Auf der anderen Seite könnte uns die embryonale Stammzellforschung neue medizinische Behandlungsstrategien eröffnen, welche die Leiden zahlreicher Menschen lindern würden. Welche moralische Verpflichtung sollte also in diesem Entscheidungsfindungsprozess stärker gewichtet werden? Die Antwort hängt von unserer Betrachtung des Embryos ab. Besitzt dieser den Stellenwert einer Person?

Dieser Film stellt einige der ethischen Kernargumente vor.

Welchen moralischen Stellenwert besitzt der menschliche Embryo?

Der moralische Status eines Embryos ist eine ebenso kontroverse wie komplexe Fragestellung. Die Hauptsichtweisen werden im Folgenden kurz dargestellt.

1. Der Embryo besitzt den vollständigen moralischen Status bereits ab der Befruchtung
Entweder der Embryo selbst wird bereits als Person betrachtet obwohl er nach wie vor ein Embryo ist oder er wird als potentielle Person angesehen. Die Kriterien der Menschlichkeit sind offenkundig unklar; verschiedene Personen definieren diese auf sehr unterschiedliche Weisen.

Argumente für diese SichtweiseArgumente gegen diese Sichtweise
Die Entwicklung einer befruchten Eizelle in einem Säugling ist ein kontinuierlicher Prozess und jeder Versuch festzulegen an welchem Entwicklungszeitpunkt das Menschsein beginnt wäre eine künstliche Festlegung. Ein menschlicher Embryo ist ein sich im Embryonalstadium befindliches menschliches Wesen vergleichbar mit einem Säugling welcher ebenfalls ein menschliches Wesen im Säuglingsstadium ist. Und obwohl ein Embryo noch nicht sämtliche Eigenschaften eines ausgewachsenen Menschen besitzt, wird er sich in naher Zukunft zu einem solchen entwickeln und sollte folglich mit dem nötigen Respekt und der entsprechenden Würde eines Menschen behandelt werden.

Ein früher Embryo, welcher noch nicht in den Uterus implantiert wurde besitzt keinerlei psychologische, emotionale oder physische Charakteristika welche wir mit einem menschlichen Wesen verbinden würden. Daher gibt es keinen Grund, diesen zu beschützen und wir können ihn für das Wohl von Patienten (welche Menschen sind) in Anspruch nehmen.

Ein Embryo kann sich nicht zu einem Säugling entwickeln solange dieser nicht in einen weiblichen Uterus eingepflanzt wurde. Er benötigt dazu zusätzliche Hilfe. Und selbst dann sind die Chancen, dass ein durch künstliche Befruchtung entstandener Embryo eine normale Schwangerschaftsdauer und eine erfolgreiche Geburt durchläuft, gering. Etwas, das sich möglicherweise einmal zu einem menschlichen Wesen entwickelt, sollte nicht so behandelt werden als wäre es bereits eines.

2. Es gibt eine zeitliche Grenze von 14 Tagen nach Befruchtung
Einige Menschen behaupten ein menschlicher Embryo verdient einen speziellen Schutz ab Tag 14 nach der Befruchtung, weil:

  • Nach dem vierzehnten Tag ist es dem Embryo unmöglich sich zu teilen um Zwillinge auszubilden. Bis zu diesem Zeitpunkt kann sich der Embryo noch teilen um sich zu zwei oder mehr Säuglingen zu entwickeln, ebenso kann eine weitere Entwicklung vollständig ausbleiben.
  • Vor dem vierzehnten Tag besitzt der Embryo kein zentrales Nervensystem und besitzt somit noch kein Bewusstsein. Wenn es uns erlaubt ist, hirntoten Patienten Spenderorgane zu entnehmen, dann können wir ebenfalls mit einem einhundert Zellen großen Embryo arbeiten.
  • Befruchtung an sich ist ein Prozess und kein singulärer Zeitpunkt. Ein Embryo in den ersten Entwicklungsstufen ist nicht eindeutig als Individuum definiert.

3. Der Status eines Embryos wächst mit seiner Entwicklung.
Ein Embryo verdient Schutz ab dem Moment an dem das Spermium die Eizelle befruchtet und sein moralischer Stellenwert wächst mit fortschreitender Entwicklung zu einem Mensch.

Argumente für diese Sichtweise Argumente gegen diese Sichtweise

Es gibt einige Stadien in der embryonalen Entwicklung, welche einen zunehmenden moralischen Status motivieren könnten:

1. Implantierung des Embryos in die Uteruswand, circa 6 Tage nach der Befruchtung
2. Das Auftreten des Primitivstreifens (primitive streak), das erste Anzeichen eines sich ausbildenden Nervensystems, etwa am Tag 14.
3. Das Entwicklungsstadium an dem der Säugling in der Lage ist zu überleben, angenommen er käme als Frühgeburt zur Welt.
4. Die Geburt selbst.

Wenn jemand stirbt neigen die Menschen dazu diesen Verlust unterschiedlich zu empfinden, je nachdem wie alt die betroffene Person war. Eine befruchtete Eizelle vor der Implantierung in den Uterus könnte man also eine geringere Beachtung teilwerden lassen als einem Embryo oder einem bereits geborenen Säugling. Mehr als die Hälfte der befruchteten Eizellen gehen aus natürlichen Gründen verloren. Wenn dieser Verlust also auch Teil des natürlichen Ablaufes ist, sollte uns der Einsatz einiger Embryonen in der Stammzellforschung keine weiteren Sorgen bereiten.

Wir schützen das Leben und die Interessen einer Person nicht weil es wertvoll für das Universum als ganzes wäre sondern weil es bedeutsam für die betreffende Person ist. Welchen moralischen Status ein menschlicher Embryo auch immer für uns haben mag, das Leben, welches er lebt, hat einen Wert für den Embryo selbst.

Wenn wir den moralischen Stellenwert eines Embryos an dessen Alter festmachen, dann treffen wir eine willkürliche Entscheidungen darüber, wer Mensch ist und wer nicht. Selbst wenn wir zum Beispiel die Entwicklung eines Nervensystems als Beginn des Menschseins festlegen würden, würden wir uns dennoch nicht dazu hinreißen lassen, einen Patienten, welcher zahlreiche Hirnzellen auf Grund eines Hirnschlags verloren hat, als weniger menschlich zu bezeichnen.

Falls wir nicht in der Lage sein sollten, festzulegen, ob eine befruchtete Eizelle als menschliches Wesen angesehen werden sollte, dann sollten wir sie auch nicht zerstören. Ein Jäger würde auch nicht schießen solange er sich nicht darüber sicher sein kann ob sein Ziel ein Mensch oder ein Hirsch ist.

4. Ein Embryo hat überhaupt keinen moralischen Stellenwert
Ein Embryo ist organisches Material mit einem Stellenwert welcher sich nicht von dem jedes anderen Körperteils unterscheidet.

Argumente für diese SichtweiseArgumente gegen diese Sichtweise

Befruchtete menschliche Eizellen sind solange einfach nur Teile des menschlichen Körpers bis sie sich weit genug entwickelt haben um selbstständig überleben zu können. Die einzige Achtung gegenüber einer Blastozyste sollte jene sein, welche wir auch dem Eigentum anderer gegenüber zeigen. Wenn wir eine Blastozyste vor der Implantation zerstören, fügen wir ihr kein Leid zu, denn sie hat keine Hoffnungen, Wünsche, Erwartungen, Ziele oder Vorhaben welchen wir schaden könnten.

Wenn wir embryonale Stammzellen aus einem frühen Embryo entnehmen, verhindern wir, dass er sich in einer normalen Art und Weise entwickelt. Das bedeutetet, dass wir verhindern, dass er sich zu dem entwickelt zu dem er bestimmt war, nämlich einem menschlichen Wesen.

Embryonale Stammzellforschung und Religion

Verschiedene Religionen messen einem menschlichen Embryo sehr unterschiedliche Stellenwerte zu. Zum Beispiel vertreten die katholischen, die orthodoxen und konservativ protestantischen Kirchen den Standpunkt, dass ein menschlicher Embryo bereits ab dem Moment der Zeugung den Stellenwert eines Menschen besitzt und sind der Meinung, dass embryonale Forschung nicht erlaubt werden sollte. Der Judaismus und der Islam heben die Bedeutung des Helfens hervor und vertreten die Meinung das ein Embryo vor dem vierzigsten Tag keinen vollständig menschlichen Status besitzt und erlauben eingeschränkte Forschung an Embryonen. Andere Religionen vertreten wieder andere Meinungen. Du kannst mehr über dieses Thema erfahren indem du die ausführliche Variante dieses Factsheets mit Hilfe der unten stehenden Links herunterlädst.

Erfahren Sie mehr

Extended factsheet with a fuller discussion of the issues by Kristina Hug (pdf)
EuroStemCell film "Conversations: ethics, science, stem cells"
EuroStemCell factsheet on ethical issues relating to the sources of embyronic stem cells
EuroStemCell factsheet on the science of embryonic stem cells
Booklet for 16+ year olds about stem cells and ethics from the BBSRC
Research paper on the ethics of embryonic stem cell research by Kristina Hug

Danksagungen und Quellenangaben

Dieses factsheet wurde von Kristina Hug erstellt und von Göran Hermerén korrekturgelesen.

Die Abbildungen wurden freundlicherweise von Wellcome Images zur Verfügung gestellt: Eizelle und Spermium von Spike Walker; Blastozyste von Yorgos Nikas; Diabetes Patient welcher sich Insulin injeziert von der Wellcome library,London.

Die restlichen Abbildungen wurden von "Conversations : ethics,science,stem cells",ein EuroStemCell-Film zur Verfügung gestellt.